Die Drohnenteams der Jägervereinigung Ehingen sind seit Wochen frühmorgens im Einsatz. Noch bevor die ersten Mäharbeiten beginnen, suchen Helferinnen und Helfer mit Wärmebilddrohnen Wiesen und Felder ab, um Kitze und andere Wildtiere rechtzeitig zu finden und zu sichern. So sollen sie vor dem Tod durch den Kreiselmäher bewahrt werden.
Am Freitag, den 12. Juni, führte ein Drohneneinsatz jedoch nicht auf eine Wiese vor der Mahd, sondern an den Rand einer Straße.
Gegen 13 Uhr meldete sich die Leitstelle der Polizei Ulm telefonisch bei mir. Eine Streife hatte in meinem Revier ein totes Reh festgestellt. Ich wurde gebeten, das verendete Tier zu beseitigen.
Nach Angaben der Polizei hatte bereits gegen 5.30 Uhr ein Verkehrsteilnehmer bei der Leitstelle angerufen. Er meldete eine mögliche Kollision mit einem Wildtier, war sich aber nicht sicher. Nachsehen könne er nicht, erklärte er, da er zur Arbeit müsse. Erst gegen 12 Uhr erschien der Fahrer beim Polizeirevier in Ehingen. Dort wurde ein Wildunfall am Fahrzeug festgestellt. Daraufhin fuhr eine Streife zum angegebenen Unfallort und fand dort das verendete Stück Rehwild.
Ich machte mich sofort mit einem Helfer auf den Weg. Vor Ort zeigte sich, dass es sich bei dem Tier um eine Rehgeiß mit Gesäuge handelte. Damit war klar, dass möglicherweise ein oder mehrere Kitze in der Nähe waren und nicht mehr versorgt wurden.
Nach Rücksprache mit einer Wildtierauffangstation wurde das umliegende Gebiet mit einer Wärmebilddrohne abgesucht. Die Landschaft besteht dort überwiegend aus Feldern. Schon nach kurzer Zeit wurden mehrere Kitze und Geißen entdeckt. Diese Tiere lagen entweder zusammen oder höchstens rund 100 Meter voneinander entfernt. Das entsprach zunächst einem unauffälligen Bild.
Etwa 200 Meter vom Unfallort entfernt zeigte die Drohne jedoch ein einzelnes Kitz. In der Umgebung war keine Geiß zu erkennen, der nächste Wald lag mehrere hundert Meter entfernt. Erneut wurde Rücksprache mit der Wildtierauffangstation gehalten. Die Empfehlung lautete, das Kitz zunächst aus größerer Entfernung zu beobachten. So sollte ausgeschlossen werden, dass doch noch eine Geiß zurückkehrt, um es zu säugen.
Über rund acht Stunden blieb das Kitz unter Beobachtung. Eine Geiß erschien in dieser Zeit nicht. Da die Dunkelheit näher rückte, wurde schließlich entschieden, das Kitz einzufangen. Eine solche Entscheidung fällt nicht leicht, denn wer ein Rehkitz aus der Natur entnimmt, muss sicher sein, dass dies zwingend notwendig ist.
Auch nach der „Bergung“ wurde das Gebiet wiederholt mit der Drohne kontrolliert. Dabei zeigte sich kein Hinweis auf eine einzelne Geiß, die nach ihrem Kitz suchte. Diese Nachkontrollen bestätigten die Einschätzung, dass es sich um das verwaiste Kitz handeln musste.
Das kleine Geißkitz wurde anschließend bei Bekannten untergebracht, die bereits langjährige Erfahrung mit der Aufnahme und Aufzucht solcher Findlinge haben. Die ersten Tage waren besonders kritisch, da das Tier bereits etwas älter war. Entscheidend war, ob es die angebotene Nahrung annehmen würde. Nach anfänglicher Zurückhaltung begann das Kitz zu trinken und nimmt inzwischen problemlos Nahrung auf.
Heute geht es dem kleinen Reh gut. Es hat den Namen „Rehbecca“bekommen und sich in seiner neuen Umgebung, mit zwei Stiefschwestern (Schmalreh Greta und Kitz Sophie) gut eingelebt. Im kommenden Jahr darf Rehbecca dann, wenn alles gut verläuft, ihre eigenen Wege gehen.
Der Einsatz zeigt, dass Kitzrettung nicht immer planbar ist und nicht nur vor der Mahd stattfindet. Manchmal beginnt sie mit einem Anruf der Polizei, einer traurigen Entdeckung am Straßenrand und der Frage, ob irgendwo im Feld ein Jungtier auf Hilfe wartet.
Peter Braß, HRL Obere Donau


